Menu Close

Das ganz große Berliner Egal

Immobilienkunde rund um den Hamburger Bahnhof

– von Helmut Maternus Bien –

veröffentlicht im Tagesspiegel vom 10.7.2020

– ‚Wenn ein Berlin-Veteran auspackt…’ –

Jetzt ist auch bei mir der Groschen gefallen, warum Museumsdirektor Udo Kittelmann trotz überaus erfolgreicher Arbeit, Berlin so abrupt den Rücken kehrt. Sein Abschieds-Tusch: Katharina Grosse, die mit ihrer Action Painting aus der Sprühpistole vor allem die Rieck-Hallen des Hamburger Bahnhofs in einen famosen Farbwirbel eingenebelt hinterlässt. Eine grandiose F… you-Geste, eine letzte Geste der Würdigung dessen, was dem Abriss geweiht ist.

Die Nachricht von der Abwanderung der Flick-Collection hat eine Kettenreaktion ausgelöst. Dabei ist der Ausgangspunkt die Bauabsicht der CA Immo AG (Wien) auf dem Gelände der Rieck-Hallen (ehemalige Speditionsschuppen, die dem benachbarten Museum Hamburger Bahnhof für die Flick-Sammlung zugeschlagen wurden). Der Abzug der Flick-Sammlung, deren Ansiedlung seinerzeit von monatelangen heftigen Auseinandersetzungen um die Rechtschaffenheit des Flick-Vermögens orchestriert war, hat jetzt die Eigentumsverhältnisse unerwartet offenbart. Sowohl die Rieck-Hallen als auch der Hamburger Bahnhof sind Dispositionsmasse der Immobiliengesellschaft. Plötzlich erklären sich auch die hektischen Aktivitäten am Kulturforum als Ersatzquartier für abzugsgefährdete Sammlungen. Der absolute Knaller, den jetzt die Recherchen des Kunstkritikers Boris Pofalla ans Tageslicht brachten, ist der Umstand, dass auch der Hamburger Bahnhof selbst CA Immo zu gehören scheint und sich eben nicht im Besitz der Öffentlichkeit befindet. (Detalliert nachzulesen in: Die Welt, 28.6.2020). Es könnte sein, dass es das jetzt war mit dem ‚Museum der Gegenwart’. Und die Gegenwart wieder selbst die Kuratierung übernimmt.

Ich konnte es erst gar nicht glauben und dachte, die Presse kriegte es nicht hin, zwischen Hamburger Bahnhof und Rieck-Hallen zu unterscheiden und würde einmal mehr alles in einen Topf werfen. Jetzt hat mich die Nachricht wie ein Blitz getroffen. Warum? Weil ich dabei war in der Vorgeschichte des Kunstmuseums, die kaum noch jemand kennt. Ich gehörte zu dem Team, das den Hamburger Bahnhof erstmals 40 Jahre nach dem Kriege 1987 wieder als Ausstellungshaus bespielt hat. Ab 1984 haben wir für die Berliner Festspiele / Beauftragter für die 750-Jahr-Feier Berlins den ruinösen Hamburger Bahnhof für die Eröffnungs-Ausstellung ‚Die Reise nach Berlin‘ baulich und konzeptionell wieder ertüchtigt. Es war – wenn man so will – die erste Migrations-Ausstellung, die zeigte wie Berlin in seiner gesamten Geschichte von Zuzüglern geprägt geworden ist, und zu dem wurde was es bis vor kurzem war: ein Meltingpot – für wen auch immer. Also ein intellektueller Spannungsbogen von der Peuplierungspolitik der Preußen bis zu den schwäbisch stämmigen Hausbesetzern der damaligen Jetztzeit. Diese Reise nach Berlin hätte sich mühelos fortschreiben lassen bis in die Easyjet-Gegenwart. Das war 1987 unsere Eröffnungsbotschaft des Berlin-Festes für die Westhälfte der Stadt.

Eigentumsfragen waren damals, man glaubt es kaum, so unwichtig weil unlösbar aber wenigstens provisorisch regelbar wie vielleicht die Oder-Neiße-Grenze. Es ging vor allem darum, die Blockaden des Kalten Krieges beiseite zu räumen, in denen Berlin feststeckte in dieser verdammten Weltgeschichte. Der Berlin-Mythos der 1980er Jahre bestand aus dem Paradox, dass die größte Freiheit dort möglich schien, wo die Mauern besonders hoch waren. Irgendwie waren wir Westberliner genauso eingeschlossen wie die Werktätigen in ihrem Paradies. Deshalb interessierten wir uns sehr für die Ostberliner und ihren Umgang mit der gemeinsam geteilten historischen Sackgasse.

Der Hamburger Bahnhof war irrtümlicherweise unter sowjetische Verwaltung gekommen, weil es dem Namen nach als Verkehrsmuseum mit Verkehr zu tun hatte. Das Museum selbst war dabei immer ein staatliches Museum gewesen. Die Sowjets übergaben es der DDR und die der Deutschen Reichsbahn, die ein Betriebsrecht für den Schienenverkehr auch in den Westsektoren hatte, auf dem sie im Kalten Krieg eisern und aus Daffke beharrte. Ebenso auf dem eigentlich sinnlosen ‚Geländegewinn‘ eines Museums ohne Schienenanschluss in einem toten Winkel der geteilten Stadttopographie. Erst 1981, als die Betriebsrechte für den Betrieb der S-Bahn in Westberlin an die BVG übergeben wurden, kam auch der Bahnhof in die Hände des Berliner Senats.

Das Museum war eine gespenstische Ruine als wir wie Expeditionsforscher ausgerüstet das Gelände mit Helm, Kamera, Maßband und festem Schuhwerk inspizierten. Es war eine echte Zeitblase, in die wir vorstoßen durften. Wir trafen auf einen kleinen Trupp von Bahnpolizisten der Deutschen Reichsbahn, die ihr Objekt über die Jahrzehnte hinweg betreut hatten. Sie hatten sich im Keller des Ostflügels mit ihren Schäferhunden einquartiert. Eine Wolke aus Lysol (DDR-Reinigungsmittel), der typische Gleiskörper-Eisenpartikelgeruch und ein ätzender Teergestank aus versottenden Öfen, mit denen die Räumlichkeiten notdürftig auf Temperatur gehalten wurden, bildeten seine dichte Atmosphäre. In der Wache dominierten Hund, Schweiß und Leberwurstbrot. Intershop-Wodka gab es nicht nur für den Notfall. Regelmäßige Patrouillen sorgten für Abwechselung. In Eigenintiative hatten die Unverwüstlichen eine sehenswerte Installation von Eimern aufgestellt, um Tropfwasser aufzufangen. Sie hatten in den Jahrzehnten Planen über Exponate geworfen und den ganzen proletarischen Improvisationsgeist eingebracht, der sich ansonsten in den Schrebergärten und Datschen-Paradiesen ausgetobt hatte. Dachpappe als Allzweckwaffe, um das Schlimmste abzuwehren. Diese Pioniertruppe ahnte schon 1984, das sie von den neuen Verhältnissen ‚abgewickelt‘ werden würde und waren tapfer als wir dort auftauchten. Ihre Aufgaben wurden Zug und Zug obsolet. Wir versuchten es ihnen so leicht wie möglich zu machen.

Im Neusprech von visit berlin könnte man das Museum damals als ‚lost place‘ bezeichnen, ein hot spot des ‚dark tourism‘ und ein geiles Ziel für urban adventures. Wir dachten eher an Manfred Hamm und seine Geister-Photos toter Technik, in denen die Natur aufgegebene Technikanlagen zurückerobert. Wie ein Wünschelrutengänger stocherte Raffael Rheinsberg als Spurensucher in den Stadtbrachen herum und Wolf Vostell ließ auf dem Rücken liegende Lokomotiven die Räder gen Himmel strecken. In Berlin herrschte punkige Ruinenromantik. Und jemand wie der vorwitzige Kippenberger bekam schon mal eine szenemäßige Abreibung für unkorrektes Verhalten im Schankraum. In Berlin tobte der Bär: rau, aber herzlich. Da passte der Hamburger Bahnhof – ein Ort des Zeitgeistes.

Unsere Pioniertat war, den Hamburger Bahnhof mit unserer kulturhistorischen Ausstellung, die von sagenhaften 450.000 Besuchern gestürmt worden ist (mein bescheidener Beitrag war ein aus Sony-Monitoren gebautes Brandenburger Tor mit Neonquadriga, auf dem die ikonischen Berlin-Bilder von Walter Ruttmanns ‚Sinfonie der Großstadt‘ bis Kästners ‚Emil und die Detektive‘ flimmerten), wieder auf die Mind Map der Berlin-Fans zurückgebracht zu haben. In einem ungeteilten Berlin wäre der Hamburger Bahnhof zentral gelegen. Aus der Perspektive der Mauerstadt von 1987 kaum zu glauben. Deshalb hatte Ulrich Giersch die Idee, mit der Graphik-Designerin Theres Weishappel einen Vogelschauplan anzufertigen, der diese Zentrallage ins Auge springen ließ. (Siehe Abbildung: www.berlinplaene.de) Der Plan wurde ein Renner und später gehörte er zu den scouting maps der Immobilienleute, vermutlich auch der kunstveständigen Leute von CA Immo aus Wien, bei ihrer Schatzsuche nach Betongold an der Spree.

Nach 1987 noch vor dem Mauerfall setzte mit Macht die Kunst-Gentrification ein. Früher Höhepunkt: die Präsentation der Sonnabend/Leo Castelli-Sammlung im Hamburger Bahnhof. Die Sammlung kam direkt aus New York, dem it-place für Gentrification-Strategien in abgerockten, trumpigen Blockquartieren. New Yorker Künstler nutzten diese Zwischenzeit-Ruinen, als Stratege erwies sich Fluxus-Erfinder George Maciunas, heute noch kaum bekannt damals ein Christo für Stadtneurotiker. Schon vor dem Mauerfall nahm eine Entwicklung Anlauf, die sich danach exponentiell beschleunigte.

Unsere ‚Reise nach Berlin‘ jedenfalls, im notdürftig reparierten Ruinen-Charme à la Martin-Gropius-Bau verblasste, kippte aus der Zeit. In Berlin wurde wieder Geschichte gemacht und lieber nicht reflektiert. Bastian/Marx/Kleihues übernahmen und ruhten nicht eher bis aus dem Hamburger Bahnhof ein Metoo-White Cube geworden war, der in seiner aseptischen Ästhetik kaum mehr als volle Konzentration auf das Werk versprach. Wenn die spiegelnden Böden die Besucher nicht dazu verführten, lieber sich selber beim Schauen zuzuschauen. Jetzt wird die Kunstreligion wunderbar konterkariert von Katharina Grosse deren Arbeit so intensiv nach Kontext verlangt, dass das System White Cube in die Luft fliegt. Dass das Kunstmuseum eine Vorgeschichte hat, warum darüber sprechen? Tun das Leute, die irgendwie wichtig sind?

In Berlin herrscht das große Egal, weil alles so schrecklich verwickelt ist und man sich so leichter tut mit den Zumutungen. Eine gewisse Traditionslosigkeit hilft auch dabei, sich nicht allzu intensiv mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Dadurch wird bekanntermaßen kaum etwas einfacher geschweige denn billiger. Da ist egal ideal und passt perfekt zur neuen deutschen Welle. Bis eben die Frage aller Fragen aufpoppt: die nach dem Eigentum. Jetzt ist die Not groß. Pofalla verfolgt die Kaskaden des Egal analytisch zurück: Das Museum kam irrtümlich unter sowjetische Verwaltung. Es war keine Verkehrsanlage, wurde aber so behandelt als ob. Aus der Betreuung durch die Reichsbahn leitete sich qua Gewohnheit ein darüber Verfügen ab, das nach Verschmelzung mit der Deutschen Bahn dort landete. Die Bahn wiederum gliederte Nicht-Bahn-Gelände zur Vermarktung in eine Immobilienfirma namens Vivico aus und die wurde von CA Immo übernommen. Da alles reibungslos lief, war auch alles egal. Auch Sarazin und Wowereit, über deren Schreibtische die Sache lief und die schön die Finger von den heißen Eisen ließen. Ob jetzt der Irrsinn rückabgewickelt werden kann?

Heute steht die ‚Abreise aus Berlin‘ auf dem Programm. Berlin wird normal teuer und ist auf einmal zu normal für Abenteuer. Was tun?

Der Hamburger Bahnhof könnte an seinem Relaunch arbeiten. Als ‚Museum der Gegenwart‘ ist er an seiner eigenen Vergangenheit gescheitert. Vielleicht sollte er dieses Schicksal annehmen und sich zum ‚Weltkulturerbe der Enttäuschung‘ erklären wie es Peter Sloterdijk für die DDR vorgeschlagen hat (Tagesspiegel 4.11.2019). Ein ernst gemeinter Vorschlag, den ich gern begründen möchte:

Die Moderne verstehen die meisten Modernisten als ‚Tabula rasa‘. Die jeweils aktuellsten Neuerungen räumen das Vorhandene ab, setzen das Neue an die Stelle des Alten. Der Rest ist Vergessen. Solange dieser kurze Prozess modern ist, kommen wir auch mit den meisten Krisen dieser Welt nicht vom Fleck. Wenn wir annehmen, dass wir so das Alte, Schlechte loswerden können, ist das kaum anderes als magisches Denken. Ein Kindertraum wenn wir glauben, den Rassismus zu bannen, indem wir die Benutzung bestimmter Wörter ächten und eine Decke über den Kopf ziehen. Schön wärs. Aber ’Neues’ entsteht nicht im Hau-Ruck-Verfahren, ist nicht einfach da und fertig ist die Laube. Nein, es fließt in einen schwer überschaubaren Prozess namens Geschichte ein, in eine Verkettung von Wechselwirkungen, die so kompliziert vorherzusehen sind, wie der Klimawandel. Dennoch wissen wir, dass er da ist und kommt. Nur die Probleme löst diese Moderne nicht, sie gibt ihrem Verlauf nur eine andere, vielleicht hoffnungsvollere Richtung.

In diesem Sinne hat die Moderne ihre Freundinnen und Freunde enttäuscht, ihre aseptische Ästhetik setzt uns Scheuklappen auf und verpasst uns auch noch einen Mundschutz. Strengste Kunst-Hygiene führt Krieg gegen die Verunreinigung statt das Verbindende und Ansteckende in einen vergleichenden Blick zu nehmen. Deshalb sollte der Hamburger Bahnhof zu einem Museum der geläuterten Moderne werden, einer, die erwachsen geworden ist und die begreift, dass alle auf den Schultern anderer stehen und auch ein paar unangenehme Leute darunter sein können. Wir werden am meisten Spaß haben, wenn wir an den vorgefundenen Ruinen weiterbauen und sie nutzbar und bewohnbar machen. Reuse, Reduce, Recycling.

Für eine so junge Stadt wie Berlin, in der die kritische Rekonstruktion nach Kleihues-Art eigentlich kaum mehr ist als eine einigermaßen menschenfreundliche Restauration, fällt eine solche Sichtweise vielleicht schwer. Inzwischen nennen sich mehr Menschen ohne Mauererfahrung Berliner als mit. Da wird man schnell zum belächelten Veteranen, der mehr hinter sich hat als vor sich..

Im uralten Köln gibt es zumindest ein Beispiel für die Idee einer geläuterten Moderne: die Kolumba, benannt nach der Taube (Columba), Noahs Melde-Tier, Stadtbewohnerin urbi et orbi und Symbol des himmlichen Friedens. Die Kölner Kolumba ist ein Gebäude auf einem Gebäude auf einem Gebäude. Das letzte stammt von Peter Zumthor, das darunter von Gottfried Böhm. Weiterbau statt Neubau, das scheint mir eine friedliche Zukunft auch für den Hamburger Bahnhof zu sein, der schnellstmöglich eine Ausstellung zum Konzept der Ruine machen sollte. Das könnte überlebenswichtig werden. Nur Ruinen haben eine Zukunft, weil sie Vergangenheit und Erinnerung verbinden. ‚Zeig Deine Wunde’ ruft uns Josef Beuys zu, der im kommenden Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Auch der DDR-Witz ‚Ruinen schaffen ohne Waffen’ ließe sich ins Positive wenden. Der Hamburger Bahnhof wäre als moderne Investitionsruine überreif für eine Schau unter dem leicht abgewandelten Motto von Harald Szeemann „Hang zur Ruine“ und wieder eine Reise nach Berlin wert…