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Saisonstart August 2020

Die Ferien neigen sich dem Ende zu und die Probleme sind immer noch da… Dass sie verschwinden nur weil wir mal für ein paar Wochen weg sind, wäre auch zu schön gewesen. Die Zeit, in denen das Wünschen geholfen hat, liegen in märchenhafter Ferne.

Für den Remedium-Verlag habe ich diesen Sommer einen Essay zum Thema Grenzen in pandemischen Zeiten verfasst. Dagmar Döring und Jan Teunen haben 14 Autoren gefragt, was von den Corona-Erfahrungen bleiben könnte. Für mich sind es die neuen Grenz-Erfahrungen. Dass uns die Krise so hart erwischt hat und unsere Gesellschaften so wenig widerstandfähig sind, liegt auch am hohen Grad der Spezialisierung, die uns Scheuklappen aufsetzt und soziale Distanzen schafft wo das Gegenteil nötig wäre. Wer den Essay lesen möchte, kommentieren oder rezensieren – der Essay kann hier bestellt werden: https://www.remedium-verlag.de/programm/die-pandemie-grenzen/

Als langjähriger Messe-Insider beschäftigt mich die Zukunft dieses altbewährten Veranstaltungsformates. 15 Jahre habe ich das Fachmagazin ‚Galleria‘ für die Messe Frankfurt redaktionell betreut und ziemlich jeden Winkel des Messegeschäfts ausgeleuchtet. Jetzt sind Messen reihenweise abgesagt worden und die Veranstalter haben große Probleme, ihre Geschäftsmodelle wieder hochzufahren. Von den Messen hängt in Städten wie Frankfurt, Köln oder Berlin viel ab. Ohne Geschäftsreisende bricht die touristische Infrastruktur weg und die Kaufkraft fehlt allen Dienstleistern von der Kreativagentur über die Hotels und Restaurants bis hin zu den Student*innen, die mit Messejobs ihre Mieten finanzieren.
Besonders aufgeschreckt hat mich die Nachricht, dass der Sohn des berüchtigten Medienmoguls Rupert Murdoch jetzt bei der Basler Messegesellschaft eingestiegen ist, die u.a. auch die Art Basel organisiert. Auf meinem Facebock-Account habe ich das so kommentiert:

„Hört die Signale! Die Basler Messegesellschaft, die u.a. die ART BASEL veranstaltet, verkauft Anteile an den Sohn des Medienmoguls Rupert Murdoch, um eine Insolvenz abzuwenden. Die Krise in Basel hat nur bedingt mit Corona zu tun, wenngleich Corona als Beschleuniger gewirkt hat. Ursächlich ist der Zusammenbruch der Uhrenmesse in Basel. Das Luxus-Segment hat nur noch bedingt Interesse an einer Messe, die sich an eine allgemeine Öffentlichkeit wendet und die eigenen Produkte unnötigerweise dem Vergleich mit anderen Produkten aussetzt. Als zielführender gilt der Daten-getriebene Absatz und klandestinere Kanäle über die eigenen Kunden und VIP-Influencer. Eine teure Messebeteilung wird da schnell überflüssig. Ich berichtete bereits. Für die Messegesellschaften ist das ein Präzedenzfall, der zeigt, dass das Geschäftsmodell Messe auf dem Prüfstand steht, weil sich das Interesse an Markt und Öffentlichkeit wandelt. Ein Alarmsignal für die Marktwirtschaft!“ https://www.facebook.com/hmbien/

Der Strukturwandel der Öffentlichkeit wird unsere Zivilisation massiv verändern. Die Bedeutung des öffentlichen Raumes hat in der Corona-Krise zugenommen. Erst galt er als ‚Infektionsort’, der zu meiden sei. Inzwischen ist es für viele gestresste Städter*innen der Raum zum freien Durchzuatmen. Die Pandemie verbreitet sich vor allem in geschlossenen Räumen. Es braucht neue Innenstadt-Konzepte, die Lust machen zum Aufenthalt im Freien auch jenseits des Konsumierens. Dazu haben wir über den Sommer Vorschläge gemacht, die mit viel Arbeit verbunden sind und uns die Frage eingebracht haben, ob sich denn der Aufwand lohne, wenn die Pandemie doch bald durchgestanden sei? Pessimisten sind oftmals die realistischeren Optimisten. Das Konzept für die Corona Time Squares finden Sie hier: http://www.westermann-kommunikation.de/cts-_-corona-times-square-arbeitstitel/

Der nachhaltige Vorschlag zum Strukturwandel der Öffentlichkeit ist die ‚Öffnung der Museen’, den wir schon sehr früh gemacht haben. Hier der Link zur Kulturpolitischen Gesellschaft, die diese Idee veröffentlicht hat: https://kupoge.de/download/2020/essays/Bien.pdf

Die Museen besetzen in den Städten zentrale Orte, sie haben attraktive Räumlichkeiten und sind Erfahrungsschatzkammern der Gesellschaft. Dieses Potenzial sollte in den kommenden mageren Jahren genutzt werden, die jetzt auf den Kultursektor zukommen. Die Museen könnten Hotspots der Krisenbewältigung werden, indem sie die neugierigen Menschen versammeln und nicht nur bewundernswerte Ausstellungsstücke. Unsere Gesellschaft braucht zentrale Orte der Orientierung, Labore und Podien, um ins Gespräch zu kommen und zu bleiben und Perspektiven zu entwickeln.

Kultur ist unser Kapital und die Museen sind die Banken. Frei nach Joseph Beuys, der im kommenden Jahr 100 Jahre alt geworden wäre – hätte er sich nicht so selbstverzehrend für einen neuen Kulturbegriff engagiert.

Westermann Kulturprojekte jedenfalls kennen auch kein Weekend

Helmut Maternus Bien
Ausstellungsmacher, Festival-Kurator, Kulturmanager
westermann kulturprojekte