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Im Raum lesen wir die Zeit – Berliner Exil-Museum

Das künftige Exil-Museum auf dem Geländes des ehemaligen Anhalter Bahnhofs nimmt konkrete Formen an. Höchste Zeit, Gedächtnislücken zu stopfen und Erinnerungs-Schienen zu verlegen. Es kommen ständig neue Leute in die Stadt, die das Rad neu erfinden wollen. Für die ist die Stadt eine tabula rasa und den Ortansässigen ist vieles einfach egal. Will man nicht immer wieder bei Null anfangen, kann das Erinnern hilfreich sein. Mein Gedächtnis-Bericht aus dem Tagesspiegel (Samstag, 5.9.2020). Hier in Essay-Länge:

Rund um das künftige Exil-Museum:
Im Raum lesen wir die Zeit – Von Mythomanen und Mitropäern

Von Helmut Maternus Bien

Die Portikus-Ruine des Anhalter Bahnhofs wird Teil der Fassade des künftigen Exil-Museums am Askanischen Platz. Klar, der Anhalter Bahnhof war Ankunftsort vieler Exilierter in Berlin und er war das Letzte, was viele Emigranten sahen, die sich nach Bücherverbrennung und Reichstagsbrand Richtung Süden absetzten. Oder ist das zu vordergründig und deshalb zu kurz gesprungen?

Das Portikus-Überbleibsel wurde in den 1970er Jahren zu einer Art Gedächtniskirche für die erste Nachkriegs-Generation in West-Berlin. Sie wollte sich nicht im Kalten Krieg verschleißen, der die Stadt auf ein totes Gleis der angehaltenen Geschichte geschoben hatte. Das Portal schien wie vom Himmel gefallen und ein Einstiegstor in die verschütteten und vernichteten Traditionen aus der Weimarer Zeit. Genug, um sich aus der babylonischen Gefangenschaft der Freund-Feind-Konfrontationen zu befreien.

Dass der Portikus 1959 bei den Sprengungen des Anhalter Bahnhof-Gerippes stehen blieb, hatte ganz direkt mit der Gedächtniskirche am Ku’damm im Herzen von West-Berlin zu tun. Dort wurde die Ruine des Kirchturmes erst durch heftige Protesten vor dem Abriss bewahrt. Der Architekt Egon Eiermann hatte dort ursprünglich Tabula Rasa machen wollen. Er brauchte den Platz für seine Wabenkirche, die heute längst vergessen oder abgerissen wäre, wenn es nicht zum Kompromiss gekommen wäre, der das ganze Spannungsverhältnis zwischen Ruine und Neubau, Vergessen und Erinnern entfaltet. Um Ärger zu vermeiden, blieb auch am Anhalter ein Fassadenrest zur späteren Verwendung stehen.

1961 kam die Mauer und die Brache fiel komplett aus der Geschichte. Die Betriebsrechte für die unterirdischen Streckenführungen lagen bei der Ost-Reichsbahn. Der unterirdische Bahnhof der boykottierten S-Bahn war ohnehin der letzte Halt in Westberlin, bevor die Bahn in hohem Ton pfeifend in den Berliner Unterwelten verschwand. Die Szenerie hätte auch in einen Post-Katastrophenfilm von Andrej Tarkowski gepasst.

Sowohl die Gedächtniskirche wie den Anhalter Bahnhof hatte Franz Schwechten, ein gebürtiger Kölner, gebaut. Seit der Eröffnungsfeier 1880 (nur wenige Wochen vor der Einweihung des Kölner Domes) symbolisierte der Bahnhof den Maßstabssprung Berlins von der preußischen Residenzstadt zur imperialen Metropole. „Das Anhalter-Bahnhofsgebäude besaß eine basilikale Struktur. Dieser Kopfbahnhof, das A und O des Reisens, nannte W. Benjamin ‚Mutterhöhle der Eisenbahnen’. Hier wurde die Nähe der Ferne geopfert und die Begrenztheit des Alltags sollte in unbegrenzte Reiseträume überführt werden. Die Züge verließen die Bahnhofshalle, den Ort des Wandelns und Verwandelns, durch drei große Torbögen in die lichte Weite des Südens,“ wird Ulrich Giersch im Preußenjahr 1981 im Begleit-Magazin zu Bazon Brocks Action-Teaching: ‚Im Gehen Preußen verstehen’ schreiben. Dazu später.

Die Schockstarre des vergessenen Anhalters wurde 1977 schlagartig entdeckt, als die ‚Bleierne Zeit’ des RAF-Terrors und der Reaktion des Staates darauf ihren Höhepunkt erreichte. Es war Karl-Ernst Herrmann, der legendäre Bühnenbildner der Berliner Schaubühne, der die Anhalter-Ruine für Hölderlins ‚Winterreise’ (Inszenierung Klaus Michael Grüber) mitten in das Berliner Olympiastadion von 1936 setzte. Ein Bild von ungeheurer Wucht, das sofort zum Theater-Mythos wurde. Auch weil der angeblich verrückte Hölderlin prophetisch wachsende Gefahren sah und zugleich für einen offenen Horizont schwärmte.

Der Berliner Künstler Raffael Rheinsberg jedenfalls begann das Gleisfeld akribisch zu analysieren wie ein Tatort-Ermittler und fand Jahrzehnte später noch Stiefel, Ausweispapiere, verrostete Stahlhelme, Kofferreste der Menschen, die dort die letzten Tage der Schlacht um Berlin durchlebten. Dabei war das Gelände so gründlich umgepflügt und planiert worden als wolle man alle Spuren verwischen. Das Spurensuchen selbst wurde zur Konzept-Kunst.

Auf dem Gelände der benachbarten Topographie des Terrors ratterte eine Erdverwertung und dazwischen wurde schon wieder so makaber wie fröhlich das Fahren ohne Führer-Schein ausprobiert. Rheinsbergs Ausstellung öffnete vielen die Augen dafür, dass Geschichte nicht zu begraben ist sondern weiterlebt in den Funden, den Erinnerungen und Erzählungen, mit denen die Nachgeborenen den Sinn ihrer eigenen Existenz ergründen und dabei die typischen Fragen von Reisenden stellen nach dem Woher und Wohin.

Die Portalruine bot sich als Berliner Zugang in das ruhelose Unbewusste des Stadtkörpers an. Die Mythen im Alltag zu entdecken, hatten die französischen Situationisten der 1960er Jahre in Paris begonnen. Surrealisten und Strukturalisten halfen, das Reale und das Imaginäre übereinander zu blenden. Und auch die Frage, ob unter dem Pflaster der Strand liege, stieß im märkischen Sand auf rege Nachfrage. War nicht auch Berlin ein Hotspot der Flaneure und Flaneusen? In der Wende zu den 1980er Jahren wurde der Anhalter Bahnhof zu einem Forschungsfeld der Selbstbefragung.

Es braucht angehaltene Zeiten wie es heute die Corona-Vorbeuge tut, um zu entschleunigen, vom Tempo runterzukommen, genauer hinzusehen und auf Sinnsuche im eigenen Umfeld zu gehen. War nicht Seele durch Tempo oder Multitasking ersetzt worden? Aktuell füllen sich die Bücherregale wieder mit Titeln über das Gehen, Wandern, Herumstreunen als Strategien gegen Langeweile, Krankheit, Burn-out oder auch für eine andere Stadtplanung. Psychogeographie nennt sich das Trendthema, das Stadtforschung und Therapeutik verbindet. Es werden Karten angefertigt, die über Stimmungen und Konstellationen Auskunft geben, über Erfahrenes und Ergangenes. Digitale Tools wie Geocaching, Apps oder Navis dokumentieren das Umherschweifen.

Im Berlin der 1980er Jahre war es das Verdienst von Bazon Brock mit Ulrich Giersch 1981 Spaziergänge unter der sinnreichen Überschrift ‚ Im Gehen Preußen verstehen’ rund um den Anhalter Bahnhof zu organisieren, die Gehen und Erkennen, Körper und Geist wieder verknüpften. Sie brachten das Areal zum Sprechen und stellten auf der vermeintlichen Tabula rasa Bezüge her, die der Stadtplanung Leitplanken setzten. Diese Rundgänge, an denen Tausende Menschen teilnahmen, können als die Vorläufer aller ‚Stattreisen’ und alternativer Stadtrundgänge gelten und selbst Wieland Giebels ‚Berlin Story’-Bunker ist ein spätes Echo der Welle dieser Wiederaneignung toxischer Stadtbrachen. Ein Höhepunkt in dieser ‚Grabe, wo du stehst’-Euphorie war Wolf Vostells ‚La Tortuga’ für das Mythos Berlin-Projekt von Eberhard Knödler-Bunte (1987) auf dem ehemaligen Bahnhofgelände. Eine Lokomotive der Reichsbahn, Baureihe 52, lag auf dem Rücken wie die berühmte Schildkröte und streckte ihre blanken Räder gen den geteilten Himmel über Berlin. Heute rostet ‚La Tortuga’ in einer Grube vor dem Stadttheater der Chemiestadt Marl im Ruhrgebiet, einer anderen Laborstadt der Moderne.

Was damals Mythos hieß wird heute systemisch-kälter Narration genannt. Berlins Narrativ ist durch Corona ins Stolpern geraten. Die ‚Arm, aber sexy’-Formel passt nicht mehr zu steigenden Mieten und wenn zuviel Nähe im Verdacht steht, lebensgefährlich zu sein. Wie erfolgreich der Tagesspiegel Checkpoint als Mythenproduzent ist, bleibt abzuwarten. Es ist schon ein wenig schizo, die fehlende Perfektion tagein, tagaus zu geißeln und gleichzeitig bis über beide Ohren ins Imperfekte und Improvisierte verliebt zu sein. Aber vielleicht macht gerade das den einzig echten und vor allem coolen Hauptstadt-Neurotiker aus, der das Nörgeln und sich Abfinden unter einen Hut zu bringen versucht.

In meiner Zeit in den 1980er Jahren bei den Berliner Festspielen im Martin-Gropius-Bau gingen wir gern in der Mittagspause mal an den reichlich ramponierten Imbisswagen, der gleich neben dem Portikus dauerparkte. Dort briet ein hartgesottener Streetfood-Pionier aus Polen echte, scharfe und von Fett triefende Kolbasz-Würste. Es war eine Art Eichung aller Geschmacksnerven und eine Kostprobe für die abenteuerlichen Polen-Märkte, die wenige Jahre später die Gegend überschwemmen würden. Karl Schlögel hat sie mit seinem Mitropa-Enthusiasmus akribisch porträtiert. Über sein Nachspüren entlang der Berliner Eisenbahnverbindungen tauchte auch das alte Mitteleuropa wieder auf den geistigen Landkarten auf. Sein topographisches Rezept im Raum die Zeit zu lesen, war dem Zeitgeist um in paar Nasenlängen voraus.

Jetzt kommt mit dem Bau des Exil-Museums eine neue Stufe der Sinngebung für das Areal. Bei Berlin-Veteranen stellen sich Phantomschmerzen ein. Es wird ernst und wir müssen tapfer sein. Der Bau des Exil-Museums beendet die Brachenzeit endgültig und mit ihr den Hölderlinschen Hymnus auf den Weg ins Offene. Den Bau des Tempodroms in seinem parodistischen Sowjetheroismus konnte man nicht wirklich ernst nehmen. Es war nur ein weiterer dieser banalen Berliner Bauskandale. Auch der Sportplatz für die Kiezkinder hinter dem Portikus verlor nie das Haut-gout des Provisorischen. Nötig, sinnvoll, vorläufig.

Der Horror Vacui, der zwanghafte Drang, Lücken zu schließen und leidige Themen zu erledigen, könnte den Blick ins Offene verbauen. Mauern wir uns ein in einer piranesihaften Kerkerwelt, die vor allem für den Dark Tourism attraktiv sein dürfte, der in Berlin schon viele Anlaufpunkte kennt?

Vielleicht sollten wir nach vorne über die Portikus-Ruine hinausschauen auf den Askanischen Platz. Er ist nach Askanios, dem Sohn des Aeneas benannt, der aus dem brennenden Troja floh und nach langer Flucht über das Mittelmeer Alba Longa, die Mutterstadt Roms gründen sollte. Albrecht der Bär, der erste Markgraf von Berlin-Brandenburg sah im Geschlecht der Askanier seine Ahnen und gab damit der Berlin-Story den Effet ins Migrantische. Lässt sich die Geschichte nicht als eine von Flucht und Vertreibung erzählen, wie es demnächst die Stiftung gegenüber tun wird? Oder als eine vom Exil und der Beinahe-Unmöglichkeit des Ankommens? Künftig werden zwei Institutionen diesen Erfahrungsschatz aus unterschiedlichen Perspektiven heben, nach Schuld und Sühne fragen, nach Opfern und Tätern, Schicksalen, Verlusten und Menschlichkeit einklagen.

Man darf auf den neuen Ton des Exil-Museums gespannt sein, der sich, will er wirkmächtig sein, auf das Narrativ der Umgebung bezieht. Gleich gegenüber lockten die Leuchtreklamen, die unter anderem für ‚Morgens, Mittags, Abends Odol’ warben, für die Reinheit und Hygienekultur im deutschen Volke, später residierte dort die Deutsche Arbeitsfront. Gleich gegenüber das Excelsior, die größte Hotelburg des Kontinents, Modell für Vicky Baums ‚Menschen im Hotel’, deren Einsamkeit den Zeitgeist auf den Kopf traf.

Das Exil-Museum wird ein Kopfbahnhof sein, durch den die vielen namhaften und unbekannten Einzelnen hindurchkommen, die ins Exil ausweichen mussten, weil ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Ins Exilmuseum gehören aber auch die vielen verlorenen Freunde, denen ‚zu Hitler etwas eingefallen war’, wie Hannah Arendt die geschmeidigen Arrangements mit der neuen Macht beschrieben hat. Wem nichts einfallen wollte oder konnte, der musste das Weite suchen. Erschwert durch Staaten, die die Grenzen dichthielten. Nach der großen Depression sollten die Arbeitsplätze für die eigenen Leute reserviert bleiben. Willkommenskultur ist eine heikle Sache. Das wissen auch die Vertriebenen von gegenüber.

Gut, dass es das Recht auf Exil gibt. Exilanten zahlen dafür einen hohen Preis wie das Schicksal Alfred Döblins zeigt, der als Kulturoffizier fürs Re-Educating zurückkehrte, aber niemals mehr ankam, sich rasch wieder nach Paris zurückzog und verstummte. Oder ‚innere Emigranten’, die blieben wie Erich Kästner, um alles zu dokumentierten, dann aber danach kaum ein Wort dazu herausbrachten und so laut wie möglich schwiegen.

Dass das Exil-Museum mit einem Sportplatz kohabitieren soll, enthält vielleicht eine heimliche Botschaft: Der Breitensport fördert mit seinem universellen Verhaltensregelwerk das Ankommen in einer neuen Gesellschaft rein körperlich und hilft den Köpfen auf die Sprünge.